Katze als Herrin im Wüstensand bei flirrender Begegnung / Von Tieren und ihrem Menschen (01)
Als sehr junger Kerl war ich ein begeisterter Anhänger der interstellaren Abenteuer von Perry
Rhodan. Seine vielfältigen, nicht immer freundschaftlichen Begegnungen mit den Lebensformen des
weiten Universums haben mich damals so sehr fasziniert, dass ich mich trickreich über die elterlichen
Verbote des Lesens dieser „Schundliteratur“ hinweg zu setzen wusste. Vielleicht lag es an diesem Teil meiner
Sozialisierung, dass ich – sehr viel später – fasziniert im Programmkino saß und versuchte,
Michelangelo Antonionis „Zabriskie Point“ aus dem Jahr 1970 zu verstehen. Denn ein Gros der
bizarren Handlung war am tiefsten Punkt des Death Valley abgedreht worden, einer kalifornischen
Mondlandschaft von mörderisch lebensfeindlicher Schönheit.
Hier begab es sich im Jahr 1985, dass ich auf meinem ersten US-Trip von einem menschenleeren
Parkplatz aus über die hitzeflirrende Weite blickte. Mein Mietwagen, ein Chevrolet Chevette mit
Dreigang-Automatik, Klimaanlage und schwindsüchtiger Leistungsentfaltung, hatte mich unerwartet tapfer bis zu
diesem bislang entferntesten Ort meines Erfahrungs-Universums getragen. Aus wabernder
Ferne näherte sich ein schwarzes Objekt, wie ich es in meiner Alten Welt noch nie gesehen hatte. Das
Raumschiff, denn ein solches war es zweifellos, stoppte in einigem Abstand zu meinem elenden US-
Kadett und ließ die Triebwerke auslaufen. Jetzt schoben sich seitliche Luken auf – und heraus traten
Aliens, die sich zur Tarnung menschliche Gestalt gegeben hatten.
An einer Leine aber wurden sie von einem winzigen Wesen angeführt, das ganz unzweifelhaft die
Herrin dieser außerirdischen Abordnung war: Eine Katze. Zumindest machte es den Anschein, denn
das Wesen strebte voran, verharrte, leckte die rechte Vorderpfote und strebte wieder davon,
inmitten all dieser brachialen, hitzeflirrenden Natur. Seine Begleiter taten es ihm gleich. Als ich meine rechte Pfote
zur Begrüßung hob, schenkte mir niemand Beachtung. Die Gruppe verweilte einige Minuten auf dem
Plateau, mit einer ganz alltäglichen Kamera wurde touristisches Interesse vorgetäuscht. Das Leittier
gab dabei keinen Ton von sich. Dann bewegten sich die Fremdlinge wieder zu ihrem Gleiter, auch die
Katze sprang behände in das ungewöhnliche Objekt. Fast lautlos schwebte die schwarze Erscheinung
davon – in Richtung der legendären Furnace Creek Ranch, wenn mich meine Erinnerung nicht trügt.
Das Letzte, was ich wahrnahm, bevor alles von aufwirbelndem Wüstensand verschluckt wurde, war
am Heck ein verschlüsselter Code:_Plymouth Voyager.
Heute weiß ich natürlich alles über jene Fahrzeuggattung der Vans, über ihren kometenhaften
Aufstieg und ihre grausame Vernichtung durch die Emporkömmlinge der SUVs. Wenn ich heute
meinen schwerleibigen Kater Federico betrachte, der gerade zur Katzenklappe hereingeschlichen
kommt, einige Happen der dargereichten Gaben verschlingt und sich nun die rechte Pfote leckt, so
denke ich: Was denkt er wohl? Was ist sein nächster Schritt? Ist er mir weiterhin gewogen? Habe ich
die richtigen Lehren gezogen aus meiner unheimlichen Begegnung am Zabriskie Point? Und: wann
werden die Katzen wohl endgültig die Welt übernehmen? (cw/Text und Foto mit Federico am Buick Super Eight Convertible 1947)
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